Journal · Mutterschaft
Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen. Aber was, wenn da niemand ist?
Über Familien, die vieles allein tragen – und darüber, warum sich fehlende Unterstützung nicht einfach durch bessere Selbstfürsorge ausgleichen lässt.
„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“
Ein schöner Satz.
Vor allem, wenn man ein Dorf hat.
Aber was ist mit den Familien, bei denen morgens niemand anruft und sagt: „Ich kann die Kinder heute nehmen“?
Bei denen keine Oma in der Nähe wohnt. Kein Opa die Kinder vom Kindergarten abholt. Keine Tante einspringt, wenn ein Termin dazwischenkommt. Keine Geschwister am Wochenende übernehmen. Niemand selbstverständlich mit am Tisch sitzt, wenn es gerade schwierig wird.
Manche Familien leben Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Andere haben sich im Laufe der Jahre auseinandergelebt. Es gab Streit, Trennungen oder Kontaktabbrüche. Manche Großeltern sind krank oder selbst noch berufstätig. Andere möchten diese Rolle schlicht nicht übernehmen.
Die Gründe sind unterschiedlich.
Das Ergebnis kann dasselbe sein:
Da ist niemand.
Oder zumindest niemand, auf den man im Alltag wirklich zählen kann.
Und das macht einen Unterschied.
Wenn jede Lücke deine Lücke ist
Solange alles läuft, fällt das vielleicht gar nicht so sehr auf.
Dann werden Brotdosen gepackt, Kinder gebracht und abgeholt, Termine koordiniert, gearbeitet, eingekauft, gekocht, Wäsche gemacht, Hausaufgaben begleitet und Geburtstagsgeschenke besorgt.
Irgendwie geht es.
Schwierig wird es meistens dort, wo das Leben nicht nach Plan läuft.
Ein Kind wird krank. Die Betreuung fällt aus. Ein Termin dauert länger. Die Schule endet früher. Ferien beginnen. Ein Geschwisterkind muss irgendwohin gefahren werden. Man selbst ist krank. Oder man würde einfach gern einmal zwei Stunden irgendwo sitzen, ohne dass gleichzeitig jemand anderes versorgt werden muss.
In Familien mit einem tragfähigen Netz gibt es dann vielleicht jemanden, der einspringt.
Wenn dieses Netz fehlt, gibt es häufig nur eine Antwort:
Du machst es selbst.
Wieder.
Es fehlt nicht nur die Hilfe. Es fehlt das Gefühl, nicht immer zuständig zu sein.
Das ist psychologisch ein wichtiger Unterschied.
Denn Entlastung bedeutet nicht nur, dass jemand zwei Stunden auf die Kinder aufpasst.
Entlastung bedeutet auch: Für einen Moment trägt jemand anderes die Verantwortung.
Nicht planen. Nicht erreichbar sein müssen. Nicht vorher Essen bereitstellen, Taschen packen, Abläufe erklären und hinterher wieder übernehmen.
Einfach wissen:
Jemand anderes kümmert sich.
Wer diese Erfahrung nur selten macht, kann körperlich auf dem Sofa sitzen und innerlich trotzdem im Dienst bleiben.
Das erklärt auch, warum manche Mütter sagen, sie könnten gar nicht mehr richtig abschalten.
Nicht unbedingt, weil sie Entspannung „verlernt“ haben.
Sondern weil ihr Alltag ihnen sehr wenig Gelegenheit gibt, wirklich nicht verantwortlich zu sein.
Und irgendwann werden die Nerven dünn
Darüber wird weniger gern gesprochen.
Über die Mutter, die morgens schon gereizt ist, bevor alle das Haus verlassen haben.
Die beim fünften „Mama!“ schärfer antwortet, als sie eigentlich möchte.
Die sich danach im Bad einschließt und sich fragt, warum sie wegen einer umgekippten Müslischüssel so wütend geworden ist.
Die ihren Partner anfährt.
Die andere Familien beobachtet und einen Stich spürt, wenn Oma selbstverständlich die Kinder über das Wochenende nimmt.
Die ihre Kinder liebt und trotzdem manchmal einfach ihre Ruhe haben möchte.
Und die sich anschließend genau dafür schämt.
Nicht jede dieser Situationen lässt sich mit mangelnder Selbstregulation erklären.
Manchmal ist ein Mensch schlicht seit Jahren für zu vieles zuständig.
„Du musst dir mehr Zeit für dich nehmen.“
Dieser Rat ist schnell gegeben.
Mach Sport. Geh spazieren. Triff dich mit Freundinnen. Nimm dir einen Abend frei. Fahr doch mal ein Wochenende weg.
Nur: Wer übernimmt währenddessen?
Selbstfürsorge ist wichtig. Aber sie braucht Bedingungen, unter denen sie überhaupt stattfinden kann.
Eine Badewanne am Abend ersetzt keine Großmutter, die regelmäßig einen Nachmittag übernimmt.
Eine Atemübung organisiert keine Betreuung während der Schulferien.
Und zehn Minuten Meditation verändern nicht die Tatsache, dass beim nächsten kranken Kind wieder dieselben zwei Menschen – oder manchmal nur ein Mensch – alles auffangen müssen.
Psychologische Strategien können helfen, mit Belastung besser umzugehen.
Sie dürfen aber nicht dazu benutzt werden, strukturelle Überlastung zu einem persönlichen Regulationsproblem zu erklären.
Familie findet heute unter anderen Bedingungen statt
Nicht alles war früher besser. Und Familien waren sicher nicht konfliktfreier.
Aber für viele Menschen waren Verwandtschaft, Nachbarschaft und mehrere Generationen stärker in den unmittelbaren Alltag eingebunden. Kinderbetreuung und Verantwortung fanden häufiger innerhalb größerer sozialer Zusammenhänge statt.
Heute leben viele Familien anders.
Menschen ziehen für Ausbildung und Arbeit weg. Partnerschaften trennen sich. Herkunftsfamilien zerbrechen. Großeltern leben weit entfernt oder führen ihr eigenes, ausgefülltes Leben.
Gleichzeitig ist der Anspruch an Elternschaft enorm.
Kinder sollen aufmerksam begleitet, emotional verstanden, gefördert, gesund ernährt und möglichst bindungsorientiert erzogen werden. Dazu kommen Beruf, Partnerschaft, Haushalt, Organisation und der Anspruch, dabei selbst ausgeglichen zu bleiben.
Das ist eine bemerkenswerte Kombination:
Das Dorf wird kleiner – während die Erwartungen an die einzelnen Eltern wachsen.
Man kann sich ein Dorf nicht einfach herbeidenken
Natürlich können Freundschaften, Nachbarschaften, andere Eltern oder professionelle Betreuung zu einem neuen Netz werden.
Das kann sehr wertvoll sein.
Aber auch hier lohnt sich Ehrlichkeit.
Ein tragfähiges Netzwerk entsteht nicht dadurch, dass man beschließt, eines zu brauchen. Beziehungen brauchen Zeit, Vertrauen und Gegenseitigkeit. Nicht jeder hat Menschen in seinem Umfeld, denen er seine Kinder anvertrauen möchte. Und nicht jede Familie verfügt über das Geld, Unterstützung einzukaufen.
Deshalb braucht es neben der Frage „Wo kann ich Unterstützung finden?“ noch eine zweite:
Was muss sich verändern, wenn die Unterstützung, die eigentlich nötig wäre, schlicht nicht da ist?
Vielleicht können nicht mehr alle Ansprüche gleichzeitig erfüllt werden.
Vielleicht darf manches liegen bleiben.
Vielleicht muss Verantwortung zwischen den Eltern anders verteilt werden. Vielleicht braucht es klarere Grenzen gegenüber zusätzlichen Verpflichtungen. Vielleicht muss Unterstützung dort, wo es möglich ist, eingekauft werden.
Und vielleicht muss eine Mutter sich eingestehen dürfen:
Ich finde das gerade verdammt anstrengend, weil es verdammt anstrengend ist.
Nicht jede schwierige Lebensphase braucht eine positive Umdeutung.
Manches darf zunächst einfach als das bezeichnet werden, was es ist.
- Zu viel Verantwortung.
- Zu wenig Unterstützung.
- Zu wenige Menschen, die mittragen.
- Und ein Familienalltag, der trotzdem jeden Morgen weitergeht.
Das fehlende Dorf lässt sich nicht mit einem guten Gedanken ersetzen.
Vielleicht beginnt Entlastung manchmal genau dort: wenn wir aufhören, von Müttern zu erwarten, dass sie auch ohne dieses Dorf so leben und funktionieren, als wäre es da.