Journal · Fachliche Perspektiven
„Reiß dich zusammen.“ Über die innere Stimme, die nie zufrieden ist
Warum viele Frauen in Umbruchphasen besonders streng mit sich sind – und wie sich dieser innere Ton verändern lässt.
Wäre eine Freundin so erschöpft, würden Sie ihr sagen: Ruh dich aus. Zu sich selbst sagen viele Frauen etwas ganz anderes.
- „Andere schaffen das doch auch.“
- „Stell dich nicht so an.“
- „Erst muss das noch erledigt werden.“
- „Wenn ich jetzt nachlasse, bricht alles zusammen.“
- „Ich darf mich nicht beschweren. Anderen geht es schlechter.“
Diese Sätze laufen oft so automatisch ab, dass sie gar nicht mehr als Gedanken auffallen. Sie fühlen sich an wie die Wahrheit. Dabei sind sie vor allem eines: ein innerer Ton, der irgendwann gelernt wurde.
Woher diese Sätze kommen
In der Psychologie spricht man von Glaubenssätzen oder inneren Antreibern. Gemeint sind tief verankerte Regeln darüber, wie man sein muss, um in Ordnung zu sein. Sie entstehen meist früh, in der Familie, in der Schule, aus dem, was Anerkennung gebracht hat.
Häufig beschrieben werden fünf solcher Antreiber:
- Sei stark.Keine Schwäche zeigen, alles allein schaffen.
- Sei perfekt.Fehler sind nicht erlaubt, gut ist nicht gut genug.
- Mach es allen recht.Die Bedürfnisse anderer kommen zuerst.
- Streng dich an.Nur was Mühe kostet, zählt.
- Beeil dich.Es gibt immer noch etwas zu tun.
Diese Antreiber sind nicht schlecht. Sie haben oft geholfen: in der Ausbildung, im Beruf, im Familienalltag. Problematisch werden sie dann, wenn sie keine Ausnahme mehr zulassen.
Warum sie gerade in Umbruchphasen lauter werden
Nach einer Geburt, nach einer Erkrankung oder in der Lebensmitte reichen die Kräfte oft nicht mehr so weit wie früher. Das, was bisher funktioniert hat, nämlich sich noch mehr anzustrengen, funktioniert plötzlich nicht mehr.
Der innere Kritiker reagiert darauf meist auf die einzige Art, die er kennt: mit noch mehr Druck.
Mehr Druck ist selten die Lösung für ein Problem, das durch zu viel Druck entstanden ist.
Was der innere Kritiker mit dem Körper macht
Selbstkritik bleibt nicht im Kopf. Wer sich innerlich ständig antreibt und abwertet, versetzt den Körper in eine ähnliche Alarmbereitschaft wie bei Druck von außen. Das Stresssystem kommt nicht zur Ruhe, auch dann nicht, wenn objektiv gerade nichts zu tun ist.
Die Forschung zum Thema Selbstmitgefühl deutet darauf hin, dass ein freundlicherer Umgang mit sich selbst mit weniger Stresserleben und mehr seelischer Widerstandskraft einhergeht. Freundlich heißt dabei nicht nachlässig. Es heißt, sich selbst so zu behandeln, wie man einen Menschen behandeln würde, der einem wichtig ist.
Was helfen kann
Der innere Ton lässt sich verändern. Nicht über Nacht und nicht mit positivem Denken, aber Schritt für Schritt. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht man dabei häufig so vor:
- BemerkenDie eigenen Sätze aufschreiben, wenn sie auftauchen. In welchen Situationen kommen sie? Wie fühlt sich der Körper dabei an?
- PrüfenStimmt das wirklich? Würde ich das einer Freundin sagen? Was würde tatsächlich passieren, wenn ich meinen Anspruch um zehn Prozent senke?
- Neu formulierenNicht schönreden, sondern realistisch: „Ich trage gerade sehr viel. Es ist verständlich, dass ich müde bin.“
- AusprobierenKleine Experimente im Alltag: etwas bewusst liegen lassen, um Hilfe bitten, eine Pause machen, bevor alles erledigt ist. Und beobachten, was dann wirklich geschieht.
Es geht nicht darum, die innere Stimme zum Schweigen zu bringen. Sondern ihr einen anderen Ton beizubringen.
Bitte ernst nehmen
Wenn die innere Stimme sehr hart wird, wenn Hoffnungslosigkeit dazukommt oder Gedanken auftauchen, nicht mehr leben zu wollen, holen Sie sich bitte sofort Hilfe, etwa bei Ihrer Hausärztin, einer psychotherapeutischen Praxis oder rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Wie wir bei ARYRA damit arbeiten
In der psychologischen Begleitung bei ARYRA geht es oft genau um diese Muster: sie zu erkennen, zu verstehen, woher sie kommen, und neue Wege im Umgang mit sich selbst zu üben. Weil der innere Druck sich auch im Körper zeigt, verbinden wir diese Arbeit mit Regulation und dem Blick auf den Alltag.
Sie müssen nicht strenger mit sich werden, um durch diese Zeit zu kommen. Vielleicht ist das Gegenteil der Anfang.